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Thassos Skala Kallirachis – Ein kleines Fischerdorf

Είμαι στο σπίτι

Skala Kalirachi

Ein Gast erzählt

Manchmal verfluche ich dieses Gefühl, dieser ewige Zwang immer wieder nach Thassos zu fliegen, fahren. Wie oft sage ich mir, jetzt ist Schluss, ich muss auch mal etwas anderes von der Welt sehen, auch von Griechenland. Ein wenig habe ich mich mehr hervorgewagt, aus den tiefen Zwängen immer nur nach Thassos zurückzukommen. Ich kenne den Norden, Thessalien, Zentralmakedonien und die Meteora-Klöster und werde diese Reisen nie vergessen. Thessaloniki, diese muntere, bunte, pralle, hektische, verfallene, archaische Königin, die ihren wunderschönen Körper weit über eine große Bucht am Rande des thermischen Golfes und den Ausläufern des 1200 m hohen Choriatis ausgebreitet hat. Sie kenne ich recht gut, ich war schon ein paar Mal dort und auch Saloniki habe ich immer mit Trauer im Herzen wieder verlassen. Komischerweise mag ich dieses Chaos, diese vielen kleinen Läden, ich mag sogar das Industrieviertel, durch das ich entweder mit dem Bus oder dem Auto entlangfahren muss, wenn ich mich wieder „heimwärts“ nach Thassos bewege. Ich mag alles an dieser Stadt, im Grunde mag ich alles in Griechenland, außer Ouzo, das muss ich gestehen. Ich habe mich sogar bis nach Alexandroupoli gewagt und bin durch das Nestos-Delta gewandert. Xanthi, diese kleine, aber entzückende Stadt am Hang in Richtung Alexandroupoli, dessen Samstags-Bazar bekannt ist. Meteora werde ich nie vergessen. Überhaupt meine Reisen im Winter nach Griechenland, dann, wenn ich alleine auf den Straßen bin und ich mich verliere in meiner Phantasie und kein Mensch mich daran hindern kann. Aber verdammt nochmal, ich muss dann immer wieder zurück nach „Hause“, nach Thassos. Ich bin abhängig, vollkommen dieser Insel verfallen und keine Therapie der Welt kann mir helfen, diese Sucht wieder loszuwerden. Will ich das überhaupt ? Mein Kopf und Herz sind ab und zu verschiedener Meinung, aber mein Herz gewinnt dann doch immer die Oberhand.

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Kavala, auch eine große Liebe von mir. Sie ist mir noch präsent im Kopf, als ich acht Jahre war und das erste Mal am Fährhafen stand. Die Stadt hat mich geblendet und ich habe ein sehr eigenartiges Gefühl, wenn ich in der weißen Stadt bin und würde am liebsten dort leben, direkt am Meer, Thassos immer in Sichtweite und vor allen Dingen jederzeit erreichbar.

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Was hat das mit Skala Kallirachis zu tun ? Das ist ganz einfach. Auch wenn ich nun fast eine alte Frau bin, gibt es früher wie heute emotionale Abstufungen, wenn ich nach Thassos komme. Ich setze mich in den Flieger und mittlerweile hat sich meine Flugangst ein wenig verflüchtig, ok, ich habe in der Regel Glück und es ist ein ruhiger Flug. Taxifahren in Griechenland ist auch nicht mein Ding, weil ich diese Raserei nicht mag. Als ich im Juli, einem extrem heißen Juli wieder zurückfliegen musste, bekam ich die Adresse eines sehr netten Taxifahrers der mich abholte. Bevor ich ins Taxi stieg, sagte ich mein Sprüchlein auf: bitte könnten sie langsam fahren, mir wird schlecht von der schnellen Variante. Der nette Taxifahrer musste lachen und meinte: sehr gerne, immer, aber nicht heute, ich muss die nächste Fähre erwischen, neue Gäste abholen und diese Fähre hier hatte Verspätung, ich muss leider schnell fahren. Na toll, also Augen zu und durch. Er tröstete mich die ganze Fahrt über hinweg, aber ich werde noch wehleidiger, wenn mich jemand betüddelt, da grenze ich mich lieber ab. Fliegen und das nicht endende Misstrauen in die anstehende rasante Taxifahrt sind die erste emotionale Stufe. Dann komme ich in Keramoti an und rieche das Meer, den Hafen, Grillgeruch, höre die schreienden Möwen, lasse mich zum millionsten Mal von den Mücken stechen und vor allen Dingen der „Duft“ der Dieselmotoren der Fähre, peng und schon hat mich die Sucht gefangen, ich bin im Hier und Jetzt und nirgendwo anders.

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Thassos Skala Kalirachi

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Natürlich wird auf der Fähre die Kamera ausgepackt und auch zum millionsten Mal fotografiere ich die Möwen. Ab und zu gelingt mir ein Schnappschuss, wenn sie kreischend hinab zur Fähre fliegen, um einen Keks aus der Hand von Menschen zu schnappen, was sich mittlerweile zum Ritus entwickelt hat. Auf die Fähre, Kekse kaufen und den Keks in die Luft halten. Immer wieder ein schönes Schauspiel. Letztes Jahr war es nicht so schön, da haute ein Lehrer, sobald die Möwen runtersausten mit seiner Faust nach ihnen. Da habe ich meine Kamera genommen, und mich mit voller Körperkraft zwischen den Lehrer und seinen Schülern gezwängt und sehr böse geschaut, das half. Ich kann Menschen nicht leiden, die keinen Respekt vor Tieren haben.

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Die nächste emotionale Stufe ist die Kurve von Keramoti raus, um die große „Mückenbucht“ nach Thassos hin, vorbei an dem kleinen Inselchen Thassopoula. Thassos ragt imposant aus dem Meer empor und dieser Anblick ist und bleibt unvergesslich. Egal ob im strahlenden Sonnenschein, Regen oder im Dunst geheimnisvoll versunken, es ist immer wieder schön.

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Kurz vor dem Anlegen ist es eine Wonne zuzuschauen, wie alle Menschen – natürlich auch ich – runtereilen und hektisch warten, bis sich die Fähre öffnet. Ich werde trotzdem nie verstehen, warum die meisten Autofahrer ihre Karre schon anschmeißen und die Luft verpesten. Wie am Start vor einem Galopprennen, mit scharrenden Hufen warten sie, dass sie die Rampe runterfahren können. Aber vorab drängeln sich die vielen Menschen, die knarzend und polternd ihre Koffer über die geriffelte Eisenrampe ziehen, inklusive meinem Koffer, der von dem unzähligen Gerumpel schon das Profil an den kleinen Rädern verloren hat.

Die nächste emotionale Stufe ist das Suchen des Mietwagens, welcher mir Panagioti von Speedy immer vorbeibringt. Manchmal geht es schnell, manchmal muss ich länger suchen und immer wieder bin ich erfreut, wenn ich meinen Namen auf einem Blatt Papier auf dem „Dashboard“ sehe. Ab und hoch auf die Küstenstraße, dann kommt für mich längere Zeit keine emotionale Stufe mehr, ich bin ja in Bewegung.

Sobald ich aber Skala Prinos erreiche, überkommt mich eine sehr eigenartige emotionale Stufe, ich habe so ein Gefühl, dass ich nie weggewesen bin. Ich habe vergessen wer ich bin, woher ich komme und was hinter mir liegt. Ich bin noch mehr „στο σπίτι“ zuhause. Dieses Gefühl habe ich immer, grundsätzlich von Skala Prinos bis Skala Kallirachis und da wären wir beim Thema angelangt. Diese drei Dörfer unten am Meer sind für mich etwas ganz besonderes bei meinem Ankommen auf die Insel.

Thassos Skala Kalirachi
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Hier steht die Zeit still, wenig hat sich verändert. Hierher kommen in der touristischen Zeit weniger Menschen als in den mittlerweile schon fast überfüllten Gegenden wie Skala Potamias, Limenas, Potos und Limenaria. Es gibt nicht so viele Tavernen, nur wenige Cafes, und nur ein paar Strände sind geschäftstüchtig verändert worden.

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Es gibt dort Stellen, die nur wenige Menschen kennen. Verlassene Stellen, geheime Stellen, manchmal auch gefährliche Stellen, aber genau das liebe ich. Ich komme immer wieder dorthin zurück und sehe keine Veränderung, es ist alles beim Alten.

Thassos Skala Kalirachi

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Die kleinen, wie auch die zwei größeren Fischerboote liegen im Hafen, als wenn sie den Hafen nie verlassen hätten. Kleine Fische tummeln sich um die Fischerboote herum. Ein Fischer hängt Wäsche auf seinem Boot auf und raucht genüsslich an einer Karelia. Das Dorf wirkt, gerade um die Mittagszeit herum, wie ausgestorben. Somit kann ich alles was sich um mich herum befindet in Augenschein nehmen und wieder einmal zum millionsten Male entweder fotografieren oder einfach nur genießen. Ich entdecke immer wieder etwas Neues.

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Unten am kleinen Strand laufe ich gerne in südliche Richtung und schaue mir die hübschen Häuser an. Einige sind alte, sogenannte Fischerboot-Garagenhäuschen, umgebaut zu Ferienwohnungen. Viele Holzstege liegen auf dem steinigen Untergrund des Strandes, was mir das Laufen erleichtert.

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Ich blicke gerne zurück und setze mich hin, beobachte den Hafen, wo sich die hochaufragenden Maste der Boote im Wind wiegen und die Lampen so schön schräg auf der marmoren Mole ihr einsames Dasein fristen. Sehr schön ist es, wenn man Glück hat, streitende Möwen auf dem Meer zu beobachten. Die eine Möwe gönnt der anderen nichts und der Streit um einen Sitzplatz, ja das Meer ist sooo klein, oder ein Fischlein, was sich als leckere Mahlzeit entpuppt, wird entfacht.

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Viele schöne Details finde ich dort. Eine schöne Türe, eine Wassertonne kunstvoll verbunden mit Schläuchen, Treibgut, ein Spielzeugauto, schöne Steine und für mich immer wieder eines der feinen Ansichten, die Fischerboote. Wunderschön anzusehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden und die Natur Besitz von ihnen ergreift. Das Holz ist schon lange morsch, ein Gecko findet hier Unterschlupf oder eine Schlange. Vielleicht auch eine Katze, die der Mittagssonne entflieht. Natürlich auch Dinge, die nicht in die Natur gehören, hier verrotten, wie so oft die ökologischen katastrophen Plastikteile.

Typisch immer wieder die kleinen, roten Dächer, die sich so präsent von dem gekalkten Weiß der Häuserwände abheben. Durchbrochen von den traditionellen Steinhäusern mit ihren alten Schieferdächern. So einige Häuser sind im Laufe der Zeit mit Beton gebaut oder restauriert wurden. Es stört mich nicht, es ist ein Bild, was ich von Anfang an kenne und es gehört für mich dazu. Oft ist der Anblick der Architektur krumm und schief, aber es bringt Lebendigkeit in das Dorf. Das macht es spannend, das Dorf zu entdecken. Diese emotionale Stufe zwischen Skala Prinos und Skala Kallirachis bringt Ruhe in meine Leben. Ich fühle, rieche, schmecke anders und genieße diese Andersartigkeit.

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Kallirachis, das Bergdorf oberhalb von Skala Kallirachis ist eines der bekannten archaischen Dörfer, die nicht einsehbar dem Meer abgewandt, errichtet worden sind, zum Schutz vor Besatzern und Piraterie. Alle Bergdörfer waren mindestens eine halbe Stunde entfernt vom Meer, häufig aber mehr als diese doch viel zu kurz erscheinende Zeit. Kallirachi hieß früher Kakiráchi.

Es fällt auf, das oberhalb der Küstenstraße ab Skala Sotiras bis Klisma (hinter Skala Kallirachis) die Erde dunkel und von roter Farbe ist. Durch den schweren Brand vor zwei Jahren und den dadurch zerstörten Baumbestand stürzt das Wasser bei starken Regenfällen ungebremst von den Berghängen herunter. Oft ist die Küstenstraße von der roten Erde bedeckt und leider viele der tieferliegenden Häuser arg von dem roten Boden verschlammpt. Der Boden ist eisenhaltig. Dieses eisenhaltige Gestein bildete schon vor langer Zeit in den Bergen rund um Kallirachis mehrfach natürliche Höhlen. Schon im vorletzten Jahrhundert wurden im Bergdorf unter den Steinbrocken Eisenschlacken gefunden.

Wer genau hinschaut findet diese rote Erde ebenso in Skala Kallirachis. Es sind aufgelöste Bestandteile des eisenhaltigen Gesteins, die sich immer noch auf dem ausgedehnten flachen Strandabschnitt, der sich nach Westen dem Meer zuwendet, finden lassen.

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Die Natur, die Beschaffenheit, die schmalen gewundenen Gassen, die Architektur, die freundlichen Menschen des kleinen, für mich immer noch verschlafenen Ortes Kallirachis macht das Dorf zu einem besonders schönen Platz. Hier eröffnen sich mir immer noch die Bilder, die ich von Thassos her kenne, als ich das erste Mal diese geheimnisvolle Insel betreten hatte. Ich erinnere mich, dass ich, als ich diesen Rundgang beendet hatte in einem kleinen Café Platz nahm. Es war sehr heiß, aber im Schatten war es kalt und es zog heftig. Die wesentlich jüngere, nette Bedienung überreichte mir neben dem Fappé ihre mir viel zu kleine Jeansjacke, damit ich nicht frieren musste. Ich habe mich in die Jacke hineingezwängt und sie lächelte zufrieden. Ich habe lange dort gesessen und trotzdem gefroren, aber das war mir ziemlich egal. Ich könnte diese kleinen aber großen Erlebnisse auch noch in emotionale Stufen meiner Sucht nach Thassos einbauen, aber das wäre zu viel des Guten. Ich beschränke mich also auf die großen Stufen. Die kleinen Stufen dürfen der Phantasie überlassen werden die jeder versteht, der ebenso süchtig ist oder Gefahr läuft, süchtig zu werden.

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Sobald ich Skala Kallirachis wieder verlassen habe, bin ich in meiner höchsten emotionalen Stufe angelangt. Ich bin eins mit der Insel, als wenn ich nie fort gewesen wäre. Die Gegenwart ist so präsent, dass ich mich kaum mehr an die Vergangenheit erinnern kann und fahre automatisch wie im Traum weiter, bis ich mein Domizil erreicht habe.

 

Kennt ihr das Gefühl ?

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