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Die Weltreisende Teil 2 ~ Kazaviti

Was für ein Geheimnis, was für eine Wohltat, dass sie etwas mit sich trug, was ab jetzt nur ihr alleine gehören würde. Sie fieberte der Nacht entgegen.

Es dauerte noch ein paar Tage, bis Elena endlich den Brief öffnen konnte, denn sie schlief vor lauter Aufregung erschöpft ein und die nächsten Tage waren so erfüllt von Arbeit, dass sie auch da immer schnell einschlief.

Aber dann war es so weit, sie öffnete den Brief ………….

 

Die Weltreisende Teil 2

 

Elena öffnete den Brief ……

Liebe Freundin, lieber Freund,

ich freue mich, dich kennenzulernen und bin schon sehr neugierig, wer meinen weit gereisten Brief geöffnet hat. Wirst du mir antworten ?

Mein Name ist André, ich bin 20 Jahre alt und wohne in einer großen Stadt in Deutschland. Ich bin dabei zu studieren, Maschinenbau, aber ich muss zugeben, es gefällt mir nicht besonders. Ich gehe viel arbeiten, damit ich mir einiges an Geld zurücklegen kann. Mein größter Wunsch ist es, zu reisen. Am liebsten rund um den Globus, mich interessieren so viele Länder und deren Kultur. Am liebsten würde ich sofort meinen Koffer packen und losreisen.

Deswegen wird es mich sehr interessieren, woher du kommst, auf welchen Fleck Erde mein kleiner Brief gelandet ist. Ich sehne mich nach einem Brief, der weit weg von meiner Heimat bald geschrieben wird, gefüllt mit vielen Worten. Vielleicht geht es dir ja ähnlich ?

Bitte antworte mir, es grüßt dich André

Elena brauchte eine Zeitlang, bis sie diesen Brief soweit übersetzt hatte, dass sie ihn ein wenig verstehen konnte. Sie wusste, dass sie einen großen Schatz in ihren Händen hielt, aber sie verstand nicht alle Worte, sie konnte sie nur ein wenig erahnen. Ihr wurde klar, dass sie diesen Brief auf jeden Fall beantworten würde. Sie spürte, dass da jemand ist, der genauso dachte wie sie und ebenfalls auf der Suche war und die Welt vor ihrer Haustüre entdecken wollten.

Es dauerte mehr als eine Woche, bis sie alle Wörter übersetzt hatte. Sie wollte Dimi nicht fragen, ob er ihr hilft. Das war ihr Geheimnis, einen Schatz, den nur sie besitzen sollte.

Nach einer weiteren Woche verstand Elena Bedeutung der geschriebenen Worte und sie fing an, ihre Antwort zu formulieren. Sie erzählte von sich, ihrem Leben, wie sehr sie sich eingeengt fühlte, missverstanden und, dass sie sich einsam fühle. Das sie Angst vor dem Leben habe, welches sie erwarten würde, wenn sie nicht den Mut aufbringen würde, eines Tages Thassos zu verlassen.

 

Es entwickelte sich eine tiefe Brieffreundschaft zwischen den beiden, lebenshungrigen Menschen.

Elenas Träume

Elena erzählte in jedem ihrer Briefe von ihren Träumen und Erlebnissen. Sie wusste, dass sie ihre Gedanken und Gefühle wie ein großes Haus betrachten konnte. Ein Haus mit vielen Räumen und in jedem Raum schlummerte eine andere Vision, Traum, Gefühl, Gedanke. Sie war froh, dass sie nun endlich jemanden hatte, mit dem sie genau das teilen konnte. Je länger sie sich schrieben, umso mehr entstand der Wunsch der beiden jungen Leute, sich in naher Zukunft zu treffen.

Eines Tages machte Elena eine besondere Entdeckung, eine Erfahrung, die sie maßgeblich befreite. Sie wusste danach, dass ihr alle Wege offen standen und sie ihr Leben – auch wenn es noch viele Stolpersteine gab – selbstbestimmend führen würde auf Dauer.

Elena war am Vortag lange spazieren gewesen. Ihre Mutter hatte eine Besorgung in Kazaviti zu erledigen und nahm Elena mit. Elena wusste, dass ihre Mutter die Zeit nutzen würde mit einigen Frauen Kaffee zu trinken, sich aus der Kaffeetasse lesen lassen würde und natürlich Neuigkeiten zu erfahren und weiterzugeben.

Sie ging einen kleinen Pfad entlang, der sie zu einem der kleineren Berge hinter Kazaviti führte. Sie roch die Kiefern und lief auf ihren knisternden Nadeln. Sie hörte das Vogelgezwitscher und das Rauschen des Windes. Die Bäume und kleineren Gebüsche waren das Klangspiel, welches der raue Wind von Thassos zu einer sonderbaren Melodie formte. Diese Melodie liebte sie, sie konnte sie interpetieren und jedes Mal wurde ihr ganz warm dabei. Sie fühlte eine Energie, die sehr stark war und sie wusste, dass diese Energie sie weitertragen würde. Sie wusste nur noch nicht wohin.

Das Sonnenlicht brach stellenweise durch die Lücken des Waldes und so wurde die Natur um sie herum zu einem unendlichen Koleidoskop. Sie hörte einen Schrei und sah nach oben und entdeckte einen großen Adler, der auf dem Gipfel des kleinen Berges seine Kreise zog. Hatte er sie entdeckt ? Wollte er ihr etwas sagen ? Elena wusste, dass dieser Spaziergang sehr wichtig für sie werden würde und sie setzte ihren Weg fort.

 

Elena erreichte nach einiger Zeit den Gipfel und schaute sich neugierig um. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie etwas, was irgendwie nicht in diese Natur passte. Sie ging zu der Stelle und sah eine große, von Menschenhand bearbeitete, sehr verwitterte Marmorplatte. Sie untersuchte diese Platte eingehend und entdeckte, dass unter einer dicken Schicht von Moos etwas in die Marmorplatte eingeritzt war.

Με το κοντάρι μου κερδίζω το κριθαρένιο ψωμί,
με το κοντάρι το κρασί το Ισμαρικό, πίνω γερμένος στο κοντάρι

Mein Speer ist gutes Weißbrot und ismarischer Wein.
Wenn ich Ruhe auf meinem Speer finde, trinke ich Wein

~

Mein Speer ist mein Gerstenbrot, mein Speer ist mein reicher Wein.
Ich trinke und stürze mich auf meinen Speer

(Archilochos / Ἀρχίλοχος): es wird angenommen, dass der Vater von Archilochos, Telesikles, der Gründer der parischen Kolonie auf Thassos war, siehe: Archilochos

 

Elena konnte die Schriftzeichen der alten Buchstaben nicht lesen, sie waren zu vergilbt, kaum noch tast- oder lesbar, aber sie wusste, dass diese Platte und die Zeichen eine Bedeutung hatten, eine Botschaft vermittelten, die ein Mensch vor langer, langer Zeit dort abgelegt hatte.

 

Elena setzte sich neben die Steinplatte und fiel in einen tiefen Schlaf und träumte.

Sie träumte davon, wie sie die Steinplatte anhob und einen Zugang entdeckte. Eine kleine Öffnung, durch die nur sie passen würde und kein erwachsener Mensch. Sie zwängte sich hindurch und fand sich augenblicklich auf einem Pfad wieder, der anscheinend tief nach unten in das Innere des Berges führte. Ihr wurde etwas Angst und Bange, aber sie fühlte das sie irgendwie angekommen war oder vor der Schwelle einer Erfahrung stand, die sie unweigerlich weiter führen würde. Es war sehr dunkel auf dem Weg nach unten. Ein winziges, schwaches Licht führte sie, von dem sie nicht wusste, woher es kam.

 

Nach einiger Zeit kam sie an eine Türe, die mit einer glänzenden Messingtafel bestückt war. Sie zog die Türe ein wenig auf und es umhüllte sie ein wunderbarer Geruch, nein mehrere Gerüche, die ihr wohlbekannt waren. Zimt, Thymian, Nelken, Lavendel, Rose, Honig, … . Magisch zog sie die Türe weiter auf und fand kurz dahinter eine vertäfelte Wand. Jede Tafel zog verschiedene ihrer Sinne an. Wo vorher Kräuter- und Blumendüfte in ihre Nase zogen, zeigte eine weitere Tafel die wunderbarsten Gewebe, Stoffe, Seide, Samt, Leinen ….. die nächste Tafel die Rinden der Natur. Von einigen Tafeln meinte sie, dass dort Musik herausströmte. Musik, die sie nicht kannte und sehr alt sein musste. Weitere Tafeln waren so bunt, dass sie meinte in einem Farbenmeer zu versinken. Alles roch so unwahrscheinlich gut, die Luft bewegte sich. Eine Klaviatur von allen erdenklichen Sinneseindrücken explodierte vor ihren Augen, Ohren, Nase und Mund.

 

So ging es weiter und weiter in ihrem Traum. Verschiedene weitere Pfade nach unten, mit kleinen, erdigen, steinigen und verwurzelten Plattformen. Schöne uralte  Türen, versprachen weitere Überraschungen auf Elenas Weg hinunter in das Berginnere, in die Tiefe ihrer Seele.

Sie erlebte Eindrücke, wie sie sie noch nie erlebt hatte. Sie kam hinter eine Türe an einem sehr alten Olivenbaum vorbei und spürte seine Geschichte durch die Berührung ihrer Finger an dem gewundenen Stamm. Sie fühlte ihn bis hin zu seinen Wurzeln, die die Verbundenheit mit Allem in ihrer Welt präsentierten.

Ihre Bewegung wurden nach jedem Schritt nach unten fließender, leichter und anmutiger. Elena spürte die Leichtigkeit ihres eigenen Seins.

Hinter einer weiteren Türe erhaschte sie einen Blick auf ihre Insel. Thassos, wie ihre Insel vor Tausenden von Jahren war. Felsbrocken, Marmor, noch viel grünere und mächtigere Wälder. Sie sah viele Tiere, wie Elena sie noch nie auf Thassos gesehen hatte. Verschiedene Adler, die in der Luft über den Wäldern und Bergrücken kreisten. Die Luft roch andersartig. Saftig, vollmundig wie ein schwerer, roter Wein, süßlich wie die leckeren Loukoumades, die Elena so gerne mochte. Die Luft war weiterhin nass und schwer, erfüllt von der unberührten Natur.

Sie schloss die Augen und nahm ihre Insel in sich auf, schloss das Gefühl in ihr Herz und wusste mit einem Mal, dass sie die Insel verlassen konnte, ohne sie jemals zu vergessen. Sie wusste, sie konnte ihre Insel mitnehmen wo immer sie hingehen würde. Das stärkte sie weiter und sie beschloss in ihrem Traum noch tiefer zu gehen.

Sie erreichte den tiefsten Punkt des Berges und ein saphirblauer Lichtschimmer, wie das grüne Meer an den sandigen Küsten, erfüllte den Boden. Sie stand vor einem Spiegel, der sich sofort auflöste und Elena zeigte, wie sie geboren wurde, ihr Leben als Kind bis hin zu ihrem aktuellen Alter. Ein bisschen zeigte ihr der Spiegel auch das was geschehen würde, wenn sie den Schritt wagte, das zu tun, was sie wollte und in diesem Moment erwachte sie hoch oben über Kazaviti auf dem Gipfel.

Sie fühlte sich erfrischt und gestärkt und sie nahm einen hübschen Stein vom Boden auf und steckte ihn in eine Tasche ihres Kleides. Sie wusste nun, dass sie Thassos verlassen würde.

Es dauerte noch 5 Jahre, bis André sie auf Thassos besuchte und das Leben danach wird der letzte und dritte Teil der Geschichte sein. Die Geschichte ist übrigens eine wahre Geschichte und eine Hommage an eine mutige Frau. Eine Frau, die durch eine enge Brieffreundschaft es schaffte, sich von den engen Fesseln des Lebens in einem südländischen Land, 20 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, zu lösen.

Kazaviti:

Kazaviti ist ein wunderschönes Bergdorf auf Thassos. Eine herrliche, schattenspendende Platia, auf der uralte Platanen stehen, ist das Zentrum des Dorfes. Oberhalb des Platzes schmiegen sich die traditionellen, alten Steinhäuser elegant an den Hang.

Das große Feuer im September 2016 zerstörte zum Glück nicht das Dorf, aber die außergewöhnliche Natur, rund um Kazaviti. Man begann sehr zügig nach dem Brand mit den Aufräumarbeiten, aber heute ein Jahr später wird klar, dass zu wenig getan wird. Die Situation ist nicht sehr ermutigend. Ein Jahr nach den Bränden sind nur wenige Aufforstungs- und Schutzarbeiten an der Natur durchgeführt worden. Nach jedem Brand wächst ebenso die Gefahr von Erdlawinen durch die starken Regenfälle im Winter oder an den Sturmtagen im ganzen Jahr. Bäume die sich regeneriert haben, so wie alter Baumbestand werden durch die Schlammlawinen hinweggerissen. Abgesehen davon, dass die Dörfer nicht mehr geschützt sind vor den lawinenartigen Erdmassen, die ungeschützt hinunterstürzen.

Die Arbeit der Wiederherstellung von Aufforstung und Sicherung vor Erosionen erfordert eine sensible Überwachung und Pflege auf allen Ebenen. Ebenso auf staatlicher, forstlicher, regionaler und kommunaler Ebene. Es benötigt Geduld und Zeit, wie auch den Willen alles zu tun, was dazu führt die Natur zu regenerieren und gesunden zu lassen.

Der Thýmos und sein Fischer gehen gerne Montags auf den Markt in Prinos und nach dem Einkauf fahren sie hoch nach Kazaviti, um sich auf dem schönen Platz auszuruhen. Weitere Geschichten werden erzählt, getrunken und gegessen ……….

Prinos

 

 

 

Anbei zum Schluss noch ein sehr interessanter Film über den Zerfall, Veränderung der Traditionen, Musik und Bräuche bezüglich durch die Tourismusbranchen. Es wird immer schwerer, die Traditionen, gerade was Musik und Brauchtum anbelangt, aufrecht zu erhalten. Der Film ist auf Griechisch, sehr schön die Farbenvielfalt der Trachten, die Klangvirtualität der Musik und die schöne Umgebung von Thassos . Der Film zeichnet – durch Interviews die traditionellen Veränderungen – auf.

Ab 19:35  z. B.  wird der tratitionelle Tanz mit Gesang vorgetragen in Panagia, welches immer zum Auftakt des Karnevalumzuges am „Sauberen Montag“ aufgeführt wird.

3 replies »

    • Hallo lieber Klaus, kein Problem, habe ich auch so verstanden ;). Ok,nächstes Mal keine Bilder …………. ;). Ich wünsche Claudia und dir eine wunderbare Weihnachtszeit und ich habe alles verfolgt, so weit meine Zeit es zuließ, was bei euch wieder los war. Was soll ich dazu sagen ? Respekt, nein noch viel besser, ich glaube, im nächsten Jahr werde ich einfach mal eine Geschichte über euch, die geniale Arbeit und den Tieren schreiben, na das wäre doch was, oder ? :). Liebe Grüße

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