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Die Anmut der Vergänglichkeit

Rolf Wolfgang Martens · 1868-1928

Zwischen des moosbewachsenen Marmortrümmern …

Zwischen des moosbewachsenen Marmortrümmern
weiden Schafe.

Auf grünen Stängeln
nickt Mohn.

 

Um die zerbröckelnden Strebepfeiler der verfallnen Kathedrale
faulen Froschtümpel.

Hier oben
stand das Schloss.

In seinen Kerkern
spielen Eidechsen im Sonnenschein!

 

 

Der Fischer erzählt ……

Meine Mutter hatte früher nicht nur Ziegen, sondern auch eine sture Mauleselin ……..

 

Roúla war eine dunkle, große und liebe Mauleselin, die ihren „eigenen“ Kopf hatte. Wir schmunzelten immer über das sonderbare Bild jeden Morgen, wenn meine Mutter mit ihren Ziegen und Roúla in die Berge ging. Meine Mutter voran, die Ziegen meckernd hinter ihr her und der krönende Schluss bildete Roúla, die mit jauchzenden, undefinierbaren Gequietsche den kleinen Zug von hinten antrieb.

Wie genau Roúla zu meiner Mutter kam, weiß ich nicht mehr so genau. Sie stand auf einmal vor uns und beanspruchte ohne wenn und aber einen Platz in unserem Herzen. Meine Mutter nahm sich immer sehr viel Zeit für ihre Tiere. Jedem Morgen, wenn sie singend die Treppe hinabstieg, kamen die Ziegen, Katzen und Roúla schon angelaufen, um ihre Streicheleinheiten abzuholen. Zum Schluss flüsterte meine Mutter jedem Tier noch ein paar geheimnissvolle Worte in die Ohren und genau diese liebevolle Geste nahm Roúla sehr ernst. Sie antwortete um ein Vielfaches lauter und stupste ihre weichen Nüstern in das Gesicht meiner Mutter und rollte ihre sanftmütigen Augen. Das Gesicht von meiner Mutter kräuselte sich jedes Mal bei diesem morgendlichen Ritual und sie lachte munter in den Tag hinein.

Roúla benötigte kein Halfter, sie wusste genau wohin der Weg führte und ging sicher über jeden Stein und bröckelnden Untergrund. Sie schritt sicher und selbstbewusst die vielen Wege entlang. Sobald Roúla aber wieder zu Hause war, rannte sie durchgedreht den Berg zu unserem Haus hoch und beanspruchte atemlos ein Stück Brot. Sie gab erst Ruhe, wenn sie ihre Brotscheibe durch das Küchenfenster hinaus serviert bekam und trottete dann wieder mit sicherem Schritt zufrieden nach unten in den Garten zu den Ziegen. Allerdings nicht, um sich auszuruhen. Sie hob den Kopf und überblickte den Garten, als wolle sie sagen: was kann ich nun für einen Blödsinn anstellen ? Meistens war es dann das Anknabbern von den verschiedensten Dingen. Keine Decke ….. Holz, Zäune, Leinen, Eimer, Karren ……. waren vor ihr sicher, selbst die Weintrauben im Herbst knabberte sie stolz von den Ästen, allerdings ohne sie zu essen. Wenn ich frischen Fisch mit nach Hause brachte musste ich aufpassen, dass sie die Verpackung der Fische nicht runterknabberte oder die Wanne umstieß, wo die Fische drin lagen. Viel Spaß hatte sie dabei, wenn ich die Fische entschuppte. Die Schuppen flogen im Garten durch die Gegend und Roúla schnappte nach dem Schuppenschauer. Wir saßen oft da und hielten uns vor Lachen die krampfenden Bäuche.

Ihr Körper, vor allend Dingen ihr Maul war immer in Bewegung und meine Mutter verglich sie oft mit einer Klatschtante, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als ihren Mund unsinnig zu bewegen. Ich dachte mir aber, Roúla war einfach sehr neugierig und wollte alles mit entdecken, was unser und ihr Leben betraf. Abgesehen von dem ständigen Hunger den sie hatte, erforschte sie gerne neue Geschmackserlebnisse. Schmeckte es ihr nicht wurden diese Forschungsobjekte schmähend wieder ausgespuckt.

Meine Mutter und Roúla verband ein sehr tiefes Band und als meine Mutter verstarb versank auch Roúla in tiefe Trauer. Selbst ihr tägliche Scheibe Brot holte sie nicht mehr am Küchenfenster ab und stand mit hängendem Kopf neben den Ziegen auf der Wiese. Uns tat das in der Seele weh, sie so leiden zu sehen, zumal wir glaubten, den Schatten unserer verstorbenen Mutter neben ihr zu sehen, die ihr tröstende Worte in ihr Ohr flüsterte. Roúla braucht dringend einen neue Beschäftigung.

Also nahm ich Roúla nun oft mit hoch in die Berge, um Besorgungen zu erledigen oder Holz für den Winter zu sammeln. Mit der Zeit gewöhnte sich Roúla an die neue Arbeit und an mich und wir wurden ein eingespieltes Team. Roúla gewann wieder ihr Selbstvertrauen zurück und löste sich von der Trauer. Munter trottete sie nun neben mir her und erfreute sich an meiner Hand, die oft auf unseren Wegen auf ihrem Hals lag und ertrug meine langen Monologe, die ich in die Stille hineinsprudelte.

Manchmal nahm ich Roúla mit hin zum Hafen in Limenaria und sie trug die Sachen nach Hause, die das Fährschiff für uns brachte. Vor langer Zeit hielten die Fähren noch in Limenaria. Zwar nicht direkt im Hafen, sondern etwas außerhalb und die vielen Fischerboote luden Fracht und Menschen auf, um sie an Land zu bringen. Dieses Auf- und Abladeprozedere war immer ein besonderes Schauspiel und das ganze Dorf war auf den Beinen um die Sehnsucht nach Briefen aus der Ferne zu stillen, Reisende und Güter zu empfangen.

Einmal wurde versucht, Roúla als Taxi einzusetzen. Eine feine Dame wollte partout nicht durch den Hafendreck laufen, als sie aus dem Fischerboot stieg und zeigte auf Roúla, um sich von ihr zu dem kleinen Hotel transportieren zu lassen. Ich nickte stumm und sie nahm umständlich mit vereinten Kräften auf Roúlas Rücken Platz. Als die Dame sich allerdings eine Zigarette anzündete, wurde Roúla unruhig und versuchte brüllend durchzugehen. Nun saß die feine Dame nicht mehr auf Roúla sauberen Rücken, sondern mit ihrem Allerwertesten im Hafendreck. Alle Menschen am Hafen fingen an zu lachen und dieses kleine Ereignis war lange ein Gesprächsthema in unseren Tavernen und Cafés. Ich glaube, die Dame hat ihren Aufenthalt nicht wirklich genießen können, denn jeder musste sich ein Lachen verkneifen, wenn sie sie, die „Gefallene“ auf der Straße trafen.

Roúla war mir nicht nur eine treue sondern auch eine sichere Begleiterin hoch hinauf in die Berge. Roúla nahm empfindlich jede Gefahr auf. Waren es Schlangen, oder wenn sich das Wetter änderte, was ich nicht bemerkte, Wege die ihr nicht sicher erschienen, sie warnte mich immer, drehte sich um und lief den für sie unsicheren Weg wieder zurück und folgte einem anderen Pfad. Wenn ich ihr nicht sofort folgte, wurde sie böse und fletschte mit den Zähnen bis ich endlich begriff, was sie von mir erwartete.

 

Einmal im Frühsommer verbrannte ich Holz im Garten und die Glut flog für Roúlas Empfinden zu sehr durch die Gegend und sie kam angerannt um die noch lodernden Glut wütend auszutreten. Ich meinte sie sagen zu hören, du weißt, dass du jetzt kein Feuer mehr entfachen darfst !

Roúla liebte Katzen und die Sonne. Nachmittags, wenn wir in unseren kühlen Betten oder im Schatten lagen, legte Roúla ihren runden, festen Bauch in die Sonne und ließ unsere Katzen auf ihr umherspringen oder schlafen. Wir haben viel gelacht wenn wir beobachten konnten, wie die Katzen mit Roúlas langen Ohren spielten, sie spielerisch zwickten und seitwärts vor Freude auf ihr rumhüpften.

Das Meer allerdings war Roúla nicht wirklich geheuer. Sie lief zwar gerne am Strand entlang, aber das schäumende, salzige Wasser, welches sie ebenfalls versuchte anzuknabbern, schmeckte ihr nicht und war nichts für ihre empfindlichen Nüstern. Sie prustete laut auf und rannte wie so oft laut quäkend heimwärts.

Als Roúla älter wurde wollte ich nicht mehr, dass sie schwere Lasten tragen sollte und bin nur noch mit ihr in die Berge spazieren gegangen. Ich nahm oft mein Fahrrad mit und ging mit Roúla hoch auf ein saftiges Plateau, damit sie in Ruhe das gesunde Gras und Kräuter fressen konnte. Ich war der Meinung, dass das Gras und die Luft dort oben besser für sie ist, als unten am Meer. Als sie kaum noch gehen konnte, ließ ich sie oben in den Bergen, um sie anderntags wieder abzuholen. Als ich aber unten wieder mit meinem Fahrrad ankam, stand Roúla schon quäkend vor dem Küchenfenster, um ihre tägliche Scheibe Brot abzuholen. Ich war verwirrt, denn wie konnte sie es schaffen, vor mir zu Hause zu sein, zumal ihre Beine nicht mehr so gesund waren, dass sie einen solch strammen Galopp hinlegen konnte ?

Den nächsten Tag brachte ich sie wieder in die Berge, aber – sie war wieder vor mir unten im Dorf und stand vor dem Küchenfenster. Ein paar Mal versuchte ich es noch, aber Roúla wollte einfach nicht alleine oben in den Bergen bleiben. Ihr war langweilig und sie vermisste uns in diesen Stunden zu sehr und die Vorfreude auf ihre tägliche Belohnung – die Scheibe Brot – war mächtiger, als gesunde Kräuter zu fressen.

Ich beließ es dabei und baute für Roúla einen winterfesten Stall, indem sie es warm hatte in der kalten Zeit. So konnte sie tagsüber im Garten bleiben und Roúla genoss es. Sie wurde jeden Tag noch ein bisschen mehr verwöhnt, sonnte sich, knabberte weiter wie gehabt die unmöglichsten Dinge an und ging bis zu ihrem letzten Stunden immer noch täglich hoch an unser Küchenfenster, um ihr Stück Brot abzuholen.

 

Roúla starb in einer kalten, stürmischen Winternacht in ihrem Stall. Es regnete in Strömen und verdeckte unsere heißen Tränen, die wir um sie weinten. Wir gruben noch in dieser Nacht ein tiefes Loch, um Roúla zu begraben.

Ich werde Roúla nie vergessen ……….

 

                  

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2 replies »

  1. Liebe Ariane, eine wunderschöne Geschichte hast du uns hier erzählt. Dazu passend hast du Bilder von glänzender Qualität ausgesucht. Beides meisterlich gewählt. 👍😄🇬🇷
    Nun soll es schnell wieder Frühling werden damit wir wieder zu den tollen Menschen mit der wunderbaren Natur kommen.
    Lieben Gruß von Ulla

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Ulla,

      liebe Dank :). Ja diese Geschichte hat mich auch immer bewegt, wenn ich sie erzählt bekommen haben. Im März bin ich wieder unten und dann und dann 😉 so oft es geht ;). Ich wünsche dir eine schöne Zeit liebe Ulla

      Gefällt mir

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