Allgemein

Mit Abstand …….

Ich erinnere mich gerade an das Pflaster am FĂ€hrhafen von Kavala. Wenn ich mit dem Bus von Thessaloniki angereist bin nach Thassos, hat es oft nicht so mit der Zeit geklappt und ich musste lĂ€nger am FĂ€hrhafen auf die nĂ€chste FĂ€hre warten. Mein GepĂ€ck ist immer schwer und die dicken, unförmigen Pflastersteine haben mich immer geĂ€rgert. Die Rollen des Trolleys blieben oft in den Rillen hĂ€ngen, mein Fotorucksack rutschte mir von den Schultern, das Gewicht meiner Tasche verkrampfte meinen RĂŒcken und ich war genervt und schweißnass von der Hitze und dem Gezerre mit meinem GepĂ€ck. Komisch, seitdem Corona uns fest im Griff hat, vermisse ich diese kleine Tortur. Ich stelle mir vor, wie ich das Pflaster fĂŒhle und ich habe Sehnsucht danach. Ich weiß, wenn ich dieses Pflaster betrete, bin ich schon fast da und meine Freude wĂŒrde mit jeder Sekunde wachsen 


. 

Ich stelle mir alles Mögliche im Moment vor, was ich sonst nicht so mag, wenn ich nach Thassos fliege, fahre und die Herausforderungen trotzdem immer wieder auf mich nehme. Auch das Fliegen ist in meinen Gedanken im Moment eine Wohltat. Vor allen Dingen frei von meiner Flugangst. Die immer gleichen Ansagen von den FlughĂ€fen, holen das Fernweh in mir hoch. Ich öffne die App in meinem Handy des Köln-Bonner Flughafens und die blechern klingenden sechs Töne kommen mir wie eine Sinfonie vor. Ich schließe und öffne sie immer wieder und stelle mir vor, wie ich am Check-In stehe, mein Trolley endlich in dem Bauch des Flughafens verschwindet und ich zum Sicherheitsbereich laufen kann. Meistens vergesse ich, wie ich meine Boardkarte richtig an den Scanner halten soll, damit ich diesen Bereich betreten kann. Schon zweimal hatte ich beim Sicherheitsdurchlauf dieselbe Frau aus Kavala am Band und das kam mir immer wie ein Lichtblick vor, ein erstes Ankommen auf dem Weg nach Thassos.  

In Gedanken gehe ich zum erstbesten CafĂ© und bestelle mir ein Brötchen und Cappuccino. Es ist teuer, aber das ist mir egal. Es ist fĂŒr mich wie das durchgeweichte Brot auf einer Autofahrt nach Thassos. Ich habe es immer geliebt, wenn das Brot oder Brötchen pappig war als ich es auspackte, aber trotzdem himmlisch schmeckte, da ich wusste, es geht gleich weiter in Richtung Griechenland. NatĂŒrlich muss ich vor Aufregung stĂ€ndig auf die Toilette und das ist immer ein Abenteuer, mich, meinen großen Fotorucksack, meine Tasche und was ich sonst noch mitschleppe in die kleinen Kabinen mithineinzupressen. Wenn ich spĂ€ter in den Spiegel schaue, sehe ich verrutschte Klamotten und meine Haare stehen in alle Richtungen ab, aber ich sehe einen glĂŒcklichen Menschen mit viel Vorfreude.

Auch das Warten im Boardingbereich ist nun in meinen Gedanken ein Anstehen zum Eingangstor der unbeschreiblichen DĂŒfte der Natur auf Thassos und das Grummeln der Menschen das Meeresrauschen, was mich bald erwarten wird. Ich werde ich ruhiger, wenn ich an manche Begegnung im Flugzeug denke. Oft war es nervig, weil GerĂŒche und Körper von Sitznachbarn nicht gerade meine Nase erfreuten und das Stoßen und RĂŒtteln an meinem Sitz von hinten immer dann anfing, wenn mir gerade die Augen zufielen. Bei Start, Landung und ungehemmten Turbulenzen, erscheint mir sehr bildhaft vor meinem geistigen Auge eine Möwe, um meine Flugangst aufzufangen. Meine Möwe, die mich beim Fliegen immer begleitet, wird immer grĂ¶ĂŸer und schöner. Die Möwe, die ich mir vorstelle, nimmt mir die Angst. Sobald es rumpelt und ich in den Sitz gepresst werde, taucht sie auf, majestĂ€tisch und lehrt mich jedes Mal, wie galant sie durch die LĂŒfte schwebt und jeder Turbulenz trotzt; so wie das Flugzeug in dem ich sitze. Das habe ich mittlerweile sooft geĂŒbt, dass es ein Automatismus ist und es schon ungewöhnlich ist, wenn mein Flug so ruhig war, dass meine Möwe nicht auftauchen wollte oder musste. 

Selbst die Taxifahrt nach Keramoti wĂŒrde ich nun lieben, denn da rutschte mir das Herz immer in die Hose, weil ich schnelles Autofahren nicht gut vertragen kann. Was wĂ€re das nun zauberhaft, wenn ich im Taxi sitzen wĂŒrde und so langsam das Meer riechen könnte.  

Aber es steht in den Sternen, wann ich das nĂ€chste Mal reisen kann, es steht fĂŒr uns alle in den Sternen und noch stĂ€rkt mich, uns, die Hoffnung, dass es doch bald, in ein paar Wochen wieder so sein wird. Vielleicht wird es so sein, aber mein GefĂŒhl sagt etwas anderes. Mein GefĂŒhl darf mich gerne tĂ€uschen und im Grunde weiß ich, wie wichtig es ist, nicht zu reisen. Es ist ein Hohlraum, in dem ich gepresst bin und mich in einer Halbwelt leben lĂ€sst. Die Welt um mich herum schlittert einem Chaos entgegen und daneben lacht gerade die Sonne und es wird warm. Der FrĂŒhling breitet sich aus und die Hummeln im Bauch sind trotzdem da, verrĂŒckt ist das. Da ist etwas, was man nicht sehen, schmecken, fĂŒhlen, riechen und hören kann, aber man spĂŒrt, schmeckt, riecht, sieht und hört es, wenn es von uns Besitz ergreift. Ein Virus, der viel Leid ausgelöst hat und dieses Leid wohl noch andauern wird. 

Also verliere ich mich weiter in meinem Tagtraum und denke daran, wie ich in einer meiner Lieblingstavernen sitze. Ich rieche den Duft der gegrillten Köstlichkeiten und erfreue mich an einem sehr kalten Bier.

Taverne Alfas SKala Marion

Immer wenn ich ankomme, komme ich an, als wenn es das erste Mal wĂ€re. Ich umarme die Leute, die ich im Grunde vor ein paar Monaten schon umarmt habe und das schon seit mehr als 45 Jahren, es ist immer wieder das gleiche Spiel und immer wieder ist es ein Spiel der Freude. Ich spiele meinen Traum weiter und denke daran, wie viel Arbeit und unangenehme Wege es waren, meine TrĂ€ume in Bezug auf Thassos zu erfĂŒllen. Sie erscheinen mir jetzt wie ein Spiel des Lebens, ein Bauplan, der im Moment gerade im Entwurfsstatus verweilt.  

Ich erinnere mich daran, wie ich in einem Winter 2002 in Aliki war und einen sehr großen Oktopus in dem Marmorfeld entdeckte. Es wurde sehr spannend, denn ich spielte mit dem Oktopus. Er war so neugierig, dass er immer wieder mit seinen Fangarmen meine Hand erkundete und ich spĂ€ter so mutig wurde, seinen Kopf zu berĂŒhren. Es war eine sehr innige Begegnung und ich konnte jahrelang keinen Oktopus mehr essen, ohne an ihn zu denken. Mein Vater meinte dazu frĂŒher: warum hast du ihn nicht mitgebracht, es wĂ€re ein leckeres Essen geworden.  

Je mehr ich trĂ€ume, je mehr fĂŒhle ich den Zauber, der sich in meinem Kopf ausbreitet und ein angenehmes Kribbeln in meinem Körper auslöst. Es ist eine Stange in meinen Gedanken, an der ich mich festhalten kann und mir Kraft gibt. Auch mir die Kraft gibt an all die Menschen zu denken, denen das Virus so viel Leid gebracht hat und zu hoffen, dass sie alle in irgendeiner Form gestĂ€rkt aus der Krise wieder hervortreten und den Mut nicht verlieren.  

Ich erinnere mich an die Stunden, die ich alleine in den Bergen verbracht habe. An die Stunden in den Bergdörfern, in denen ich in eine andere, alte Welt eingetaucht bin und die Menschen, die vor langer Zeit dort lebten, arbeiteten, liebten und kĂ€mpften, in meinem Kopf an mir vorbeigehen gesehen habe. Dieses GefĂŒhl ist einzigartig und wenn ich es habe, meine ich, mit dabei gewesen zu sein. Diese Menschen, vor allen die Frauen und Kinder singen leise. Die MĂ€nner laufen auf kleinen, fast unsichtbaren Pfaden mit ihren Eseln, Maultieren, Ziegen, Hunden, Katzen und Schafen leise den Berg hinauf. Ein fast himmlisches Klingeln begleitet sie. Meist schaue ich auf und sehe eine Ziegenherde, in der das Alphatier eine große Glocke durch seine Bewegung zum LĂ€uten gebracht hat.  

Ich rieche den leicht muffigen Geruch von den alten Kirchen, die im Winter feucht und kalt sind. Ich sehe die Spinnweben, die an den Heiligenbildern kleben und manchmal sind die Spinnweben noch bewohnt und ich mache einen großen Bogen um die Bilder.  

Ich stehe im Wasser an den kleinen WasserfĂ€llen und lasse die Fische an mir knabbern und versuche zum x-ten Mal das schwirrende Spiel von Licht, Wasser, Schatten und Sonnenlicht zu fotografieren. Ich beobachte eine Schlange, die sich elegant an den Felsen vorbei fortbewegt, um dann in einer der vielen Spalten zu verschwinden. Ich danke an den König der Fische, den ich 2005 in dem Stausee hinter Maries entdeckt habe. Er war so groß, dass ich ihn mit seiner Familie stundenlang beobachten konnte, wenn mich nicht gerade ein Rascheln in den BlĂ€ttern aufschreckte, ich eine Smaragdeidechse oder einen Frosch entdeckte, die meine Aufmerksamkeit von dem König der Fische ablenkte.  (Das war 2005)

Ich denke an unser Flachdach, auf dem ich in der Nacht oft sitze oder liege und ĂŒber mir die Milchstraße meine Welt zum Leuchten bringt. Der Vollmond, der mich wie ein Wecker jedes Mal erwachen lĂ€sst und ich das Glitzern auf dem Meer erhaschen kann, bis der Mond rot am Horizont einfach ins Meer fĂ€llt und es wieder dunkel wird. 

Ich fĂŒhle die eisigen Winter, den Schnee, den klatschenden Regen und die höllischen StĂŒrme und Gewitter die mich ein paar Mal davon abhielten, am An- oder Abreisetag die Insel zu verlassen. Eine Überfahrt die so stĂŒrmisch war, dass die FĂ€hre seitlich in einem 45° Winkel einmal rechts und links hoch- und runterschwappte, so dass alles im Inneren zu Boden fiel, die Menschen kreischten und jeder froh war, als er wieder festen Boden unter den FĂŒĂŸen hatte. 

Ich rieche die verbrannte Natur nach dem letzten Feuersturm, der 2016 ĂŒber die Insel jagte und viel zerstörte. Ich erinnere mich an die GesprĂ€che, die Angst und den Dank in den ErzĂ€hlungen, die ich nach dem Brand mit ihnen fĂŒhrte. Ich denke an die vielen Bienen, die so durstig waren, dass ich WassernĂ€pfe aufstellen musste, damit sie ihren Durst stillen konnten. 

Fire 2016

Ich sehe die vielen Feste vor mir, auf denen ich getanzt, gefeiert, gelacht und gegessen habe. Die mein Herz zum Schwingen brachten, meine Augen voll TrĂ€nen fĂŒllten und sich mir eine Musik offenbarte, die ich nie vergessen werde.  

Ich trĂ€ume davon, im Meer zu treiben, welches sich wie Samt um meinen Körper schmiegt. Das KrĂ€useln der kleinen Wellen mich hypnotisiert. Die Sonne meinen Kopf erhitzt und ich abtauche auf den kĂŒhlen Grund, um ihn abzukĂŒhlen. Mein Blick schweift in die Unendlichkeit des Horizontes, ich drehe mich um und sehe die Berge ……… ich möche gar nicht mehr heraus aus dieser wohltuenden Badewanne, nur fĂŒr mich alleine.

Und wieder sitze ich im Flieger, um zum wiederholten Male in meinen Gedanken nach Thassos zu fliegen. Ich könnte diese vorangegangenen TrĂ€umereien endlos weiterfĂŒhren, aber das wĂ€re dann zuviel des Guten, denn ihr wisst genau, was ich meine ………. und ihr könntet die Liste endlos weiter forsetzen, oder ?

Bleibt gesund und munter ……… kreativ, achtsam und nett zu anderen ……..

10 replies »

  1. Danke, dass du Deine GefĂŒhle so toll zu Papier gebracht hast. Dadurch wurden auch meine Erinnerungen und die dabei empfundenen GefĂŒhle aktiviert. Sehr emotional, schön emotional. DANKE HIERFÜR. âŁïž

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    • Hallo Petra, ich danke dir :). Es freut mich, dass ich etwas in dir aktiviert habe und ich hoffe, es sind sehr schöne Gedanken, Erinnerungen und GefĂŒhle. Liebe GrĂŒĂŸe Ariane

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  2. Liebe Ariane, vielen Dank fĂŒr deinen schönen Text und deinen sehr schönen Bildern. Normalerweise sĂ€ĂŸen wir jetz auch in unserem kleinen HĂ€uschen in Megalo Kazaviti. Wir sind zwar noch nicht so lange auf der Insel wie du, aber trotzdem fehlt sie uns schon sehr. Ähnlich wie bei dir, stellen wir uns die Reise virtuell vor. Dieses „ausgefallene“ Reisetagebuch kannst du auch bei Uschi Herzog (sie ist auch Mitglied bei Thassos-Spirit) verfolgen. Das gute FrĂŒhlingswetter in Deutschland tröstet uns jetzt etwas ĂŒber den abgesagten Aufenthalt auf Thassos hinweg.

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    • Lieber Hein, vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar. Ja Uschi hat mir eine Freundschaftsanfrage gesendet und ich verfolge natĂŒrlich mit Spannung eure virtuelle Reise. Ihr habt ein sehr schönes Haus, wunderbar hergerichtet – ich kenne es natĂŒrlich 🙂 von meinen RundgĂ€ngen in Kazaviti. Ich erkenne mich da wieder, weil genau die Sachen, auch die Renovierungsarbeiten wĂŒrde ich nun auch machen, wenn ich da wĂ€re. Das wird schon, halt einfach etwas spĂ€ter …….. umso mehr freuen wir uns dann wieder „heimzukommen“. Ein schönes Osterfest und viele GrĂŒĂŸe an euch 🙂

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  3. Liebe Ariane,

    in deinem Bericht spiegelt sich deine große Sehnsucht nach Thassos wieder, so warmherzig und liebevoll beschrieben. – und was soll ich sagen, irgendwie hast du mich wieder damit angesteckt.
    Dabei haben wir fĂŒr Anfang Juni 2 Wochen nach Santorini gebucht. Ich glaube allerdings nicht mehr daran, dass wir dahin kommen.
    Es gibt zur Zeit sicher Wichtigeres.
    In diesem Sinne bleib gesund und munter und die Hoffnung niemals aufgeben, dass auch wieder bessere Zeiten kommen.

    FĂŒhl dich herzlich umarmt,
    Ingrid

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    • Liebe Ingrid, schön von dir zu hören :). Das freut mich, wenn ich dich zwar „positiv“ angesteckt habe, die Symptome aber vollkommen gesundheitlich unbedenklich sind, außer der Sehnsucht …….. .

      Nein, ich glaube Juni ist zu frĂŒh und ich selber schĂ€tze vor September / Okotber / Winter eher nicht. Das wird sich in den nĂ€chsten Wochen zeigen. Funktionieren die Lockerungen bei uns und im Ausland, gehen die Zahlen zurĂŒck ………. wir können nur abwarten.

      FĂŒhle dich von mir auch herzlich umarmt und bleibt gesund und munter. Alles Liebe Ariane

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  4. Liebe Ariane, da hast du wieder einen tollen Bericht ĂŒber deine Lieblingsinsel und dich geschrieben.
    Wir wĂ€ren gerade jetzt nach 6 Wochen geplantem Urlaub wieder ZurĂŒck aus Griechenland. Aber da ist noch ein gebuchter Flug Mitte Juli. Mal sehn ob es was wird und wie es gehen soll? Aber im September hoffen wir mit Hund und Auto uns auf den Weg zu machen. Geplant ist heute- vielleicht auch Thassos zu besuchen. Aber das ist ja noch so weit. In letzter Zeit hat sich alles tĂ€glich geĂ€ndert. Langsam, langsam mit viel Vorsicht können wir schon mal etwas fĂŒr die nĂ€chste Woche planen. Bis jetzt haben wir alle das doch recht gut hin bekommen. Dir weiterhin alles Gute, pass auf dich auf und ganz wichtig, bleib gesundâŁïž
    Lieben Gruß von Ulla

    GefÀllt 1 Person

  5. Hallo Ulla, schön von dir zu hören :). Ja im Moment ist alles noch sehr filligran. Die nĂ€chsten 2 Wochen werden spannend. Wir werden ĂŒber Italien höchstwahrscheinlich wieder anreisen, ggf. ĂŒber den Balkan, wenn die FĂ€hren noch nicht gehen. Ja ich wĂ€re jetzt auch schon lĂ€nger da, aber was nicht ist, kann ja noch werden ;). Das wĂŒnsche ich dir auch liebe Ulla und ich danke dir âŁïž

    GefÀllt 1 Person

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